Parkinson

– Wenn das Gehirn den Takt verliert

Morbus Parkinson ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit und betrifft 2–3 % der Bevölkerung ab dem 65. Lebensjahr (Poewe et al., 2017). Was im Gehirn passiert, lässt sich vereinfacht so erklären: Bestimmte Nervenzellen in einem Bereich namens Substantia nigra sterben nach und nach ab. Diese Zellen sind dafür zuständig, den Botenstoff Dopamin herzustellen – und Dopamin steuert, wie reibungslos und präzise wir uns bewegen. Fehlt er, entstehen die typischen Symptome: ein Zittern in Ruhe (Tremor), eine zunehmende Muskelsteifigkeit (Rigor), verlangsamte Bewegungen (Bradykinese) und eine instabile Körperhaltung (Poewe et al., 2017).

Parkinson ist bislang nicht heilbar. Die Standardtherapie besteht in der medikamentösen Dopaminsubstitution – der Körper bekommt, was er nicht mehr selbst produziert. Doch Medikamente allein können den Verlauf nicht aufhalten. Genau hier kommt Bewegung ins Spiel.

Das Bewegungsproblem bei Parkinson: kleiner als gedacht

Eines der zentralen Probleme bei Parkinson ist, dass das Gehirn die eigenen Bewegungen systematisch unterschätzt. Betroffene bewegen sich objektiv zu wenig – zu kleine Schritte, zu wenig Armschwung, zu wenig Rumpfdrehung – aber sie fühlen sich normal bewegt. Das Gehirn hat den Maßstab verloren. Fachleute nennen das Hypokinese, begleitet von einer gestörten propriozeptiven Rückmeldung: Das interne Bewegungsmodell stimmt nicht mehr mit der Realität überein (Poewe et al., 2017; Peterka et al., 2020).

Eine direkte Folge davon ist die sogenannte axiale Rigidität – eine Versteifung des Rumpfes, die die natürliche Gegenbewegung zwischen Schulter- und Beckengürtel beim Gehen zunehmend einschränkt. Armschwung und Rumpfrotation nehmen ab, das Gangbild wirkt gebunden und das Sturzrisiko steigt (Poewe et al., 2017).

Warum große Bewegungen zählen – und was wir davon ableiten

Die Kernidee evidenzbasierter Bewegungstherapie bei Parkinson: Wenn das interne Bewegungsgefühl verschoben ist, muss das Training bewusst mit großen Bewegungen arbeiten – größer als sich richtig anfühlt. Durch intensives, amplitudenbetontes Training wird der propriozeptive Sollwert neu kalibriert. Das Gehirn lernt wieder, was „normal groß" bedeutet (Peterka et al., 2020).

In unserem Training greifen wir diese Prinzipien auf und verbinden sie mit strukturiertem Krafttraining:

Große Bewegungsamplituden – Übungen werden bewusst in vollem Bewegungsumfang ausgeführt, um der zentralnervösen Unterschätzung entgegenzuwirken (Peterka et al., 2020).

Alternierende und reziproke Bewegungen – Übungen, bei denen Arme und Beine gegenläufig arbeiten, aktivieren gezielt die koordinativen Muster, die bei Parkinson als erstes verloren gehen – etwa den Wechsel zwischen linker und rechter Körperhälfte beim Gehen (Navarro-López et al., 2022).

Rumpfstabilität unter Rotation – Das ist der Kern unseres Ansatzes. Der Rumpf wird nicht statisch trainiert, sondern in Rotation unter Last. Denn Parkinson greift genau hier an: Die Fähigkeit, Schulter- und Beckengürtel koordiniert gegenzudrehen, ist eine der früh betroffenen Funktionen. Wer diese Rotation unter Kontrolle halten kann, bewegt sich sicherer, ganzkörperlicher und sturzresistenter (Cano-de-la-Cuerda et al., 2020).

Warum das funktioniert: Gehirn und Muskeln lernen gemeinsam

Intensives Krafttraining wirkt nicht nur auf die Muskeln – es wirkt auf das Gehirn. Wenn Bewegungen gegen Widerstand und in großem Ausmaß ausgeführt werden, reagiert das zentrale Nervensystem mit messbaren Anpassungen: Nerven-Muskel-Verbindungen werden effizienter, motorische Hirnareale – darunter der präfrontale Kortex – werden stärker aktiviert, und der körpereigene Nervenwachstumsfaktor BDNF steigt an. Genau diese Prozesse – Neuroplastizität und neuromuskuläre Anpassung – sind es, die bei Parkinson durch den Dopaminmangel zunehmend beeinträchtigt werden. Hochintensives Training kann sie gezielt ansprechen. Das ist kein Nebeneffekt – es ist der Mechanismus (Chow et al., 2021; Gollan et al., 2022; Paterno et al., 2024).

Was die Forschung insgesamt sagt

Das bisher größte systematische Review zu diesem Thema wertete 156 randomisierte kontrollierte Studien mit knapp 8.000 Betroffenen weltweit aus. Das Ergebnis: Strukturierte Bewegungsangebote – darunter auch Krafttraining – führen zu leichten bis starken Verbesserungen der Bewegungssymptome und der Lebensqualität (Ernst et al., 2024). Kurz- und mittelfristige Trainingsinterventionen über ein bis sechs Monate erzielten positive Effekte auf Gang, Haltung, Gleichgewicht und Muskelkraft – in einigen Studien auch auf kognitive Leistungsfähigkeit (Ernst et al., 2024).

Körperliche Aktivität gilt dabei als sicherer, wirksamer und potenziell krankheitsmodifizierender Therapiebaustein – ergänzend zur medikamentösen Behandlung, nicht als Ersatz dafür (Langeskov-Christensen et al., 2024).